
«Wir wollen die Durchlässigkeit für Menschen mit erschwertem Zugang zum ersten Arbeitsmarkt erhöhen.»

«Wir verstehen uns als Türöffner in die Arbeitswelt. Wir stellen den Kontakt zu Arbeitgebern her, die auch Stellen anbieten, die man in keiner öffentlichen Ausschreibung findet.»
Michèle Fehlmann
Interview mit Michèle Fehlmann, Bereichsleiterin Integration bei Oeko Service.
Was macht ein Jobcoach bei Oeko Service?
Bei uns geht es um Vermittelbarkeit und Arbeitsplatzerhalt. Aktuell liegt unser Schwerpunkt auf der Ausbildungsbegleitung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit einer psychischen oder körperlichen Beeinträchtigung. Wir trainieren ihre Schlüsselqualifikationen und unterstützen sie dabei, ihre Ausbildung erfolgreich abzuschliessen und eine für sie passende Anschlusslösung im ersten oder zweiten Arbeitsmarkt zu finden.
Was ist das Wichtigste für ein erfolgreiches Coaching?
Entscheidend ist der Aufbau einer tragfähigen Beziehung. Ohne Vertrauen funktioniert Coaching nicht. Wir klären gemeinsam den Auftrag, legen Ziele fest und binden die wichtigen Bezugspersonen ein. Dazu gehören bspw. Eltern, Berufsbildende, Lehrpersonen, ärztliche und therapeutische Fachpersonen und natürlich die Fachpersonen der zuweisenden Behörden. Gerade bei Jugendlichen spielt das Umfeld eine enorm wichtige Rolle.
Mit welchen Behörden arbeitet ihr hauptsächlich zusammen?
Neben der Invalidenversicherung (IV) zählen auch die Jugendanwaltschaft und Soziale Dienste zu den zuweisenden Behörden.
Wie geht ihr konkret vor?
Mit den Coachee wird bspw. ermittelt, was für Strategien bereits bestehen, bspw. um Pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen, wo diese noch nicht greifen und was neu ausprobiert werden kann. Auch wird hier das Bezugssystem wie bspw. die Eltern oder Partner*innen als Ressourcen miteinbezogen. Es werden gemeinsame Ziele formuliert wie bspw. der Kauf eines neuen Weckers und eine zeitliche Befristung vereinbart um diesen zu testen und den Einfluss auf die Pünktlichkeit zu beobachten. Hierbei handelt es sich um ein simples Beispiel. Häufig ergeben sich komplexere Ausbildungssituationen, die bspw. in Verbindung mit Widerstand, geringer Motivation und den erlernten Bewältigungsstrategien der Jugendlichen und jungen Erwachsenen stehen. Hier geht es darum, diese Verhaltensweisen gemeinsam zu reflektieren und alternative Handlungsmöglichkeiten zu entdecken. Gleichzeitig gehört auch konfrontative Gesprächsführung dazu. Jugendliche brauchen manchmal jemanden, der klar benennt, welche Konsequenzen ein bestimmtes Verhalten haben kann. Das ist kein Widerspruch zum Coaching, sondern zeigt, dass wir die Jugendlichen und die jungen Erwachsenen ernst nehmen
Was zeichnet einen guten Jobcoach aus?
Auf der Persönlichkeitsebene suchen wir Menschen, die Lebensentwürfen, die nicht der Norm entsprechen, offen begegnen und bereit sind, das eigene Vorgehen kritisch zu hinterfragen. Mit dem Fokus auf Jugendliche und junge Erwachsene sollte ein Jobcoach abzuwägen wissen, wann und wo es Verständnis und Zuhören oder Konfrontation braucht, um Entwicklung zu ermöglichen. Diese Einschätzung in jedem Gespräch neu zu treffen, ist eine der anspruchsvollen Aufgaben in dieser Rolle. Weiter ist es wichtig in Themenbereichen der psychischen Gesundheit, des Sozial- und Versicherungswesens, der Schweizer Bildungslandschaft und des Arbeitsmarkts Grundlagenwissen zu besitzen, um die Coachees in ihrer Lebenssituation und Verhaltenswiesen begreifen zu können.
Was sind die grössten Herausforderungen bei eurer Arbeit?
Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen werden mindestens zwei Jahre begleitet. Da werden einige Höhen und Tiefen miteinander durchlebt. Die Herausforderung besteht darin, über die ganze Dauer in einem professionellen Nähe-Distanz-Verhältnis zu bleiben und sich insbesondere emotional gut abgrenzen zu können. Es gibt Lebensgeschichten, die einen stark berühren. Ich erlebe die Arbeitsintegration insgesamt als ein Tätigkeitsfeld, das ein hohes Spannungspotenzial mitbringt, in welchem gesellschaftliche Bedingungen auf eine ungleiche Ressourcenverteilung auf der individuellen Ebene stossen. Im Coaching wird dies bspw. beim Finden von passenden Anschlusslösungen ersichtlich, was sowohl bei den Coachees und den Jobcoaches Frust und Druck auslösen kann. Teilweise bestehen auch unterschiedliche Wahrnehmungen zwischen Coachees und Jobcoaches in Bezug auf die Leistungsfähigkeit oder Verhaltensweisen, was die Zusammenarbeit herausfordert. Fliessen zusätzlich noch die Einschätzungen und Erwartungen der zuweisenden Behörden, Betriebe, Berufsfachschulen oder Eltern mit ein, ergeben sich Situationen, die Handlungsdruck erzeugen.
Wie werden eure Wirkungsziele gemessen?
Ein wichtiger Indikator ist die Regelmässigkeit der Termine. Kommen Coachees verlässlich? Fühlen sie sich bei ihrem Job Coach gut aufgehoben? Wir erheben am Ende jedes Coachings ein standardisiertes Abschlussgespräch, in dem die Coachees ihrem Coach ein direktes, kritisches Feedback geben können. Daraus können wir wichtige Schlüsse für unsere Arbeit ziehen. Jedes Coachinggespräch halten wir aus Dokumentationsgründen schriftlich fest. Alle sechs Wochen finden Fallsupervisionen statt, ergänzt durch kollegiale Fallberatung im Team und Einzelsupervision für die Job Coaches. Zusätzlich halte ich wöchentliche Fallbesprechungen mit den Job Coaches ab.
Was ist eure wichtigste Aufgabe?
Unsere zentrale Aufgabe ist es, den Übergang in den ersten Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Bewerbungsunterlagen aufzubereiten oder Vorstellungsgespräche zu üben ist ein Teil in diesem Prozess. Die Ausgangslage der Coachees gestaltet sich jeweils sehr unterschiedlich anhand der Ressourcen, die eine Person mitbringt. So sind einige Coachees in der Lage den Bewerbungsprozess eigenständig zu gestalten während andere eine Eins-zu-Eins-Begleitung benötigen und auf eine aktive Vermittlung durch die Jobcoaches angewiesen sind. Die Jobcoaches agieren als Türöffner und stellen Kontakte zu Arbeitgebenden her, die beispielsweise Stellen anbieten, die man in keiner öffentlichen Ausschreibung findet, sogenannte Nischenarbeitsplätze.
Der Coachingprozess verläuft in drei Phasen
In der Kennenlernphase finden die Coachings alle 14-Tage statt, damit Jobcoach und Coachee eine tragfähige Arbeitsbeziehung aufbauen können. Sie dient der Klärung der Rollen und Verantwortlichkeiten und setzt den Rahmen der Zusammenarbeit zwischen Coachee und Jobcoach. Danach geht es in die Prozessphase über, in der an den individuellen Zielsetzungen der Coachees gearbeitet wird. In dieser Phase richtet sich der Bedarf des Coachings nach den individuellen Bedürfnissen, jedoch mindestens einmal im Monat. Als Themen stehen unter anderem Konflikte oder motivationale Themen stärker im Vordergrund. In der Abschlussphase werden im Coaching die Anschlusslösungen thematisiert und der Bewerbungsprozess gestartet. Die Abschlussphase beginnt meist ein Jahr bis eineinhalb Jahre vor Abschluss der Ausbildung.





